Sie waren das legendärste Tango-Tanzpaar des 20.
Jahrhunderts: María Nieves und Juan Carlos Copes.
Nun ist auch Maria Nieves gestorben. Sie hat ihren
jahrzehntelangen Tanzpartner, mit dem sie eine
Zeitlang auch verheiratet war, um 5 Jahre überlebt.
Mit ihrer Show Tango Argentino haben sie den ganzen
Globus bereist und die Menschen begeistert und
damit Anfang der 1980er Jahre die weltweite Tango
Renaissance ausgelöst.
In Buenos Aires haben Ulrike und ich das Paar
mehrmals live auf der Bühne tanzen sehen, und
natürlich hat Ulrike Maria Nieves verehrt, und mein
(einziges) Vorbild als Tangotänzer war Juan Carlos
Copes. Sie verkörperten alles, was den Tango
ausmacht und was ihn so unvergleichlich macht:
Souveränität und Eleganz, vervollkommnet durch die
Pinta, das tangotypische Bild, welches ein Tanzpaar
kraft seiner Persönlichkeit und seiner Authentizität
vermittelt.
Mit Maria Nieves geht jetzt die letzte Epoche des
individuellen Tangos endgültig zu
Ende. Was aber bleibt, wie immer im Tango, das sind
die Erinnerungen an eine wunderbare Zeit, die für uns
persönlich die schönste Zeit unseres Lebens war.
Vor ihrer Show La Pesada del Tango ("Die Schwere des Tangos")
im Teatro de la Comedia in Buenos Aires haben wir uns Copes
kurz vorgestellt als die gesamte Tanzgruppe (darunter auch
der urige Pepito Avellaneda) im Foyer zusammenstand.
Jahre später wollte es die Festivalregie des Cumbre mundial
del Tango (des "Weltgipfels des Tangos") in Lissabon,
dass wir und die anderen Showtanzpaare nach unserem jeweiligen
Soloauftritt im Teatro da Trindade noch einen gemeinsamen
Bühnenauftritt mit Maria Nieves tanzen – ihr zu Ehren als
Ehrengast.
Im Hotel hatte uns Maria Nieves schon ein paarmal angesprochen,
und wir hatten sie, obwohl sie doch seit Jahrzehnten die
berühmteste Tangotänzerin der Welt war, als völlig frei von
Allüren kennengelernt, herzlich, natürlich und rundum sympathisch.
Wir konnten ihr erzählen, dass wir vor Jahren in Buenos Aires
ihre Show La Pesada del Tango gesehen haben, was sie erfreute.
Die folgende kleine Begebenheit, die ich schon öfter erzählt habe,
erhellt am besten die Persönlichkeit von Maria Nieves. Es war
backstage vor unserem Auftritt im Teatro da Trindade zu Lissabon.
Ein wunderschönes, Theater aus dem 19. Jahrhundert, wo wir unseren
Auftritt im Rahmen des 4. Weltgipfels des Tangos tanzen sollten.
Bekanntlich leiden viele, auch manche sehr prominente Bühnenkünstler
vor Auftritten an Lampenfieber. Mir ging es an dem Abend genauso.
In dem Zustand setze ich mich dann gern ein bisschen abseits in eine
Ecke und "meditiere". Zu allem Überfluss kam an diesem Abend
auch noch eine Journalistin von BBC Radio zu mir und interviewte
mich – auf Englisch natürlich. So musste ich mich zusammenreissen,
um ein blendendes Bild abzugeben. Von Entspannen konnte keine Rede
sein.
Nach dem Interview ging ich dann noch ein wenig auf und ab, um mich
auf den Auftritt einzustimmen und die Gliedmassen zu lockern.
Obwohl alle Künstlerinnen und Künstler dort hinter der Bühne mit
sich selbst beschäftigt waren, musste die einfühlsame Maria Nieves
meine Nervosität bemerkt haben. Sie kam auf mich zu und klopfte mir
ein paar Mal aufmunternd auf die Schulter. Das war von der weltberühmten Tangotänzerin eine so nette, kollegiale und geradezu kumpelhafte Geste,
die mich sehr gerührt und tatsächlich auch entspannt hat.
Auf der Bühne hatte dann zunächst jedes Tanzpaar seinen Soloauftritt
und danach, so war es abgesprochen, tanzten alle Tanzpaare zusammen
auf der Bühne eine flotte Milonga zur Musik des deutschen Tangoorchesters
Tango real. Am Schluss bildeten alle Tanzpaare - in der Schlusspose
der Milonga verharrend - den lebenden Rahmen für Maria Nieves' Soloauftritt.
Sie tanzte an dem Abend mit einem argentinischen Tangotänzer, der in
Madrid lebte und arbeitete. Es wurde ein wunderschöner Abschluss der
Show. Das Ritual musste sein, und es hat Spass gemacht, der Queen oder
besser der Reina del Tango zu huldigen. Und natürlich war es eine Ehre
für uns, bei einer Tango-Show auf einem grossen, internationalen Event,
die Bühne mit Maria Nieves zu teilen.
Erinnerungen … Recuerdos …, hier zum Abschluss ein Vals, der gut dazu
passt: Die 1. Strophe eines Tango-Walzers mit dem Titel Recuerdo.
Musik und Text von Alfredo Pelaia (1888-1942).
Murió mi compañera idolatrada
la mujer que jamáás olvidaré,
y que tengo en el alma reflejada,
como tiene en su seno la alborada
la estrella del callado amanecer.
[Übers. (von mir)]
Gestorben ist meine über alles geliebte Gefährtin,
die Frau, die ich niemals vergessen werde
und deren Abbild ich in der Seele trage,
wie sie in ihrem Herzen die Morgenröte,
den Stern des stillen Tagesanbruchs.
Und hier der Link zu Youtube:
Eckart Haerter
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