TANGO ARGENTINO
 Ulrike & Eckart Haerter

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Montevideo Montevideo - Palacio Salvo



Was ich an Montevideo so liebe, ist die unspektakuläre Art, wie hier der Tango gelebt wird. Show-Tango ist, verglichen mit dem Angebot in Buenos Aires, praktisch nicht vorhanden. Wenn man zum ersten Mal nach Montevideo kommt könnte man sogar meinen, es gäbe hier überhaupt keinen Tango. Erst mit zunehmendem Heimischwerden in der uruguayischen Hauptstadt beginnt man zu begreifen, diese Stadt ist Tango.

Wenn Buenos Aires auf mich jedesmal wie eine aufputschende Spritze wirkt, dann überkommt mich bei der Ankunft in Montevideo ein Gefühl der Ruhe und Entspanntheit. Der ganze Stress ist wie weggeblasen. Es ist wie ein tiefes Eintauchen in Tango-Poesie. Fast schmerzhaft empfinde ich die nostalgische Atmosphäre dieser Stadt, die wie eine Mischung aus Südamerika und Spanien der 50er Jahre wirkt. Ein wenig verstaubt und mit dem Charme einer vergangenen Epoche. Bruchstücke aus Tangotexten kommen aus der Erinnerung herauf ... "Schmerz eines alten Waldes" (H. Expósito) ... "und diese ungeheure Lust zu weinen, die uns manchmal überflutet ohne Grund" (H. Manzi), und du begreifst die darin liegenden Gefühle.

Ich weiss nicht, woran es liegt. Ist es die sanfte, saubere Luft, die mit der ständigen Brise vom Rio de La Plata kommt, und die sich plötzlich zum Sturm verdichten kann? Die Ampelkreuzung ohne Autos ... Das Café, das genau so aussieht wie es heisst: "Barrio Viejo" (Altes Stadtviertel)... Die braunen Wassermassen des Rio de La Plata ... an seinem Ufer die einsame Palme, windgepeitscht im strömenden Regen ... Eine Milonga vor loderndem Asado-Feuer im alten Mercado de la Abundancia ...
Unsere schönsten Tangoerlebnisse, darunter unvergessliche Auftritte, hatten Ulrike und ich in Montevideo, das zu unserer Tangoheimat des Herzens wurde.

An einem Novembernachmittag sassen Ulrike und ich in der Altstadt von Montevideo, draussen an einem der Tische eines Restaurants, als ein alter Mann mit einer Gitarre auftauchte. Er hatte einen vollen weissen Bart und man sah seinem Anzug an, dass er sorgsam instandgehalten wurde. Der Mann begann zu singen "es la última farra de mi vida, de mi vida, muchachos, que se va ...", und seine alte, ein wenig zittrige Stimme passte so wunderbar zu dem wehmütigen Text, dass sich eine eigenartig dichte Atmosphäre ausbreitete. Wir begleiteten den Vortrag mit ein paar auf dem Pflaster getanzten Figuren, und die Leute an den anderen Tischen stimmten in den Gesang mit ein. Passanten blieben stehen und applaudierten der Szene. Aus dem Nichts heraus war eine 3-minütige Peña entstanden, unter Beteiligung alle Anwesenden. Am Schluss gab jeder dem alten Tanguero ein paar Pesos con mucho gusto. Tango in Montevideo ...

Tango in Montevideo, das ist natürlich auch "La Cumparsita", der berühmteste Tango der Welt, komponiert von dem Uruguayer Gerardo Matos Rodríguez und fast so etwas wie Uruguays zweite Nationalhymne. La Cumparsita wurde 1917 in Montevideo vom Orchester Roberto Firpo uraufgeführt - an der Stelle, wo heute der Palacio Salvo steht, das skurrile Wahrzeichen der Stadt (siehe Bild oben).

Tango in Montevideo, das ist nicht zuletzt Rotwein, Rindfleisch und Salat in grossen Portionen! Frühstück mit Tangomusik und Blick auf den Rio de La Plata. Tango - mehr als nur eine Bereicherung des grauen Alltags. Tango, eine Grundsubstanz unseres Lebens, die uns Kraft gibt für Körper und Seele.
 

Hier noch ein Link zu Milongas in Montevideo

Ein weiterer Bericht über Montevideo befindet sich im Göttinger Tango Info Nr. 36.2009


Ein ausführlicher Erfahrungs- und Stimmungsbericht über unsere Aufenthalte in Montevideo in den Jahren 1990 bis 2001 ist als Taschenbuch erschienen (und längst vergriffen).


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