TANGO ARGENTINO
 Ulrike & Eckart Haerter

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Kurze Anmerkungen
zur Kultur des Tango Argentino


El Ciruja - Der Müllsammler

Titelbild

In Montevideo gehören sie zum Stadtbild: die Clasificadores, Müllsammler, die mit ihrem Carrito und Pferdchen verwertbaren Müll sammeln und trennen. Sie bilden in Montevideo eine organisierte Berufsgruppe.

Ein anderer Ausdruck für Müllsammler ist Ciruja. Das Wort gehört zum Lunfardo, einem Jargon aus der früheren Unterwelt- und Halbweltsprache in Buenos Aires und Montevideo. Das Lunfardo wurde zur Milieusprache des Tangos. Bis Ende der 40er Jahre ist etwa die Hälfte aller Tangotexte mehr oder weniger mit Wörtern und Wendungen aus dem Lunfardo durchsetzt. Aber auch in heutigen Tangotexten finden sich immer wieder auch Lunfardoausdrücke.

Der argentinische Tangodichter Homero Manzi hingegen, dessen Texte wir zu einem grossen Teil übersetzt und als Buch herausgegeben haben, aber auch andere Tangodichter, benutzen das Lunfardo so gut wie gar nicht. Als der Tango sich Anfang der 80er Jahre weltweit wiederbelebte, gab es nur in Buenos Aires und Montevideo gedruckte Lunfardo-Wörterbücher zu kaufen. Mittlerweile ist das Lunfardo im Internet sehr gut erschlossen. Trotzdem bereitet die Übersetzung von Texten mit Anteilen in Lunfardo selbst dann noch erhebliche Schwierigkeiten, wenn man die Wörter nachschlagen kann. Denn viele Lunfardowörter haben mehrfache Bedeutungen, und viele sprachliche Wendungen müssen mühsam entschlüsselt werden. Es ist auch keinesfalls so, dass alle Argentinier alles im Lunfardo verstehen. Auch die Einheimischen stehen beim Lunfardo oft vor einem Rätsel.

Der nachfolgende, übrigens sehr bekannte Tangotext von 1926 spielt im Ganovenmilieu, und er ist konsequenterweise weitestgehend in Lunfardo geschrieben. Mit den entsprechenden Ausdrücken der deutschen Vulgärsprache habe ich versucht, die Atmosphäre des Tangos einigermassen deutlich zu machen. Es war mir aber nicht möglich, das wüste Lunfardo originalgetreu wiederzugeben.

Im Tango El ciruja geht es, wie der Titel verrät, um einen Müllsammler. Jedoch um keinen beruflich organisierten, sondern um einen Kleinkriminellen und Rumtreiber, der auch Flaschen und ähnliches sammelt, wenn die "Geschäfte" mal schlecht laufen.
 


El ciruja (Tango 1926)

Música: Ernesto de la Cruz
Letra: Francisco Alfredo Marino


Como con bronca, y junando
de rabo de ojo a un costado,
sus pasos ha encaminado
derecho pa'l arrabal.
Lo lleva el presentimiento
de que, en aquel potrerito,
no existe ya el bulincito
que fue su único ideal.

Recordaba aquellas horas de garufa
cuando minga de laburo se pasaba,
meta punguia, al codillo escolaseaba
y en los burros se ligaba un metejón;
cuando no era tan junao por los tiras,
la lanceaba sin tener el manyamiento,
una mina le solfeaba todo el vento
y jugó con su pasión.


Era un mosaico diquero
que yugaba de quemera,
hija de una curandera,
mechera de profesión;
pero vivía engrupida
de un cafiolo vidalita
y le pasaba la guita
que le shacaba al matón.

Frente a frente, dando muestras de coraje,
los dos guapos se trenzaron en el bajo,
y el ciruja, que era listo para el tajo,
al cafiolo le cobró caro su amor.

Hoy, ya libre'e la gayola y sin la mina,
campaneando un cacho’e sol en la vedera,
piensa un rato en el amor de su quemera
y solloza en su dolor.

Der Müllsammler (Tango 1926)

Músik: Ernesto de la Cruz
Text: Francisco Alfredo Marino


Wie mit Wut und aus den Augenwinkeln
nach den Seiten lauernd,
hat er seine Schritte
in Richtung Vorstadt gelenkt.
Ihn trieb eine Vorahnung,
dass an jenem Bolzplatz
die kleine Bude nicht mehr existierte,
die sein ganzer Traum war..

Er erinnerte sich, als er ohne Maloche war,
an die durchgemachten feucht-fröhlichen Stunden,
als Gelegenheitsdieb, beim Codillo-Glücksspiel,
und bei den Gäulen auf dem Rennplatz, wo er eine Menge Kohle verlor.
Als er bei den Zivilbullen noch nicht so bekannt war,
und er unerkannt so manche Tasche ausräumte,
klaute ihm eine Frau die ganze Knete
und spielte mit seiner Leidenschaft.

Sie war 'ne geile Schnalle,
die als Müllsucherin malochte,
Tochter einer Kurpfuscherin
und berufsmässige Ladendiebin;
aber sie lebte ausgenutzt
von einem geschniegelten Luden,
dem sie den Kies übergab,
den sie dem Messerhelden abgeluchst hatte.

Auge in Auge, ein Muster an Mut,
umtänzelten sich die forschen Burschen im Bajo,
und der Müllsammler, der geschickt zum Stich kam,
forderte vom Luden teuren Tribut für seine Liebe.

Heute, wieder frei aus dem Knast und ohne die Frau,
späht er nach einem Stück Sonne auf dem Bürgersteig,
denkt eine Weile an die Liebe seiner Müllsucherin
und schluchzt in seinem Schmerz.

Übers.: Eckart Haerter


El Bajo : ein Viertel in Buenos Aires am alten Hafen (kein offizieller Stadtbezirk). Im Jahr 1926, als dieser Tango entstand, war das Bajo eine der heruntergekommensten Gegenden von Buenos Aires. Heute gehört das Viertel zu den exklusivsten der argentinischen Hauptstadt. Mit Hochhäusern, Hotels und Ausgehmeile am Wasser (Puerto Madero).


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