Am frühen Morgen ist unser Flieger in Buenos Aires gelandet.
Schon die Fahrt mit dem Bus vom Flughafen ins Zentrum hat
einen ganz eigenartigen Zauber. Unter dem lichten hellblauen
Morgenhimmel, vorbei an den kilometerlangen Häuserschluchten,
aus denen immer wieder einmal eine Palme
hervorlugt, zerklüftete Stadtlandschaft so weit das Auge
reicht, bis die Autobahn schliesslich aufgesogen wird von der
riesigen Avenida 9 de Julio mitten im Zentrum der 14-
Millionenstadt.
Buenos Aires ist eine aufregende Stadt, voller Tempo, Lärm
und Leben, aber auch mit der selbstverständlichen Gelassenheit
einer Weltstadt und Business-Metropole. Hier leben und
arbeiten die besten Tangotanzpaare der Welt. Hier gibt es
Tango-Rundfunk und Tango-Fernsehen. „Sólo Tango“, der
TV-Kanal, der auch uns schon tanzend und im Interview über
den Äther geschickt hat. Eine brausende Weltstadt mit all
ihren Attraktionen und ihrer grossen kulturellen Vielfalt. Tag
und Nacht pulsiert hier das Leben. Volle Cafés nachts um halb
drei...
In unseren Anfangsjahren als Tangueros haben wir den Tango
in Buenos Aires an allen seinen Schauplätzen studiert und,
wenn möglich, selbst praktiziert. Als Schüler des grossen
Antonio Todaro, als Zuschauer in den Tempeln des artifiziellen
Showtangos, als Teilnehmer an Milongas, Peñas und
beim Strassentango, den wir einmal, den berühmten
Strassensänger Carlos Coral begleitend, selbst mitgestaltet
haben.
Später haben wir mit Acho Manzi historische Schauplätze aus
den Tangogedichten seines Vaters, Homero Manzi, besucht
und in seinem Tangolokal "Esquina Homero Manzi", an der
historischen Ecke aus Sur, bei Rotwein, Rindfleisch und Salat,
tänzerisch und musikalisch eine der besten Tangoshows erlebt,
die wir je gesehen haben.
Nachdem wir in unserem Tanguerodasein den Tango an verschiedenen
Orten dieses Globus' auch aus der Bühnenperspektive haben erfahren
dürfen, entdecken wir ihn jetzt gern an seinen
Nebenschauplätzen, wo er vielleicht sogar am intensivsten zu
verspüren ist.
Abends, an einer zugigen Ecke inmitten des Molochs Buenos
Aires, ein Bandoneonspieler. Neben ihm, auf einem Klappstühlchen,
seine strickende Frau. Der Mann hat soeben begonnen
zu spielen. Es ist nicht etwa ein Tango, sondern die 5.
Sinfonie von Beethoven! Er spielt die ganze Sinfonie, allein
für uns, bis zum Ende. Bis zum Triumph des Lichts über das
Dunkel. Und die Frau blättert die Seiten um, ohne die Noten
mitlesen zu müssen.
Der Bandoneonspieler spielt mit einem fast heiligen Ernst auf
seinem Instrument deutscher Herkunft, das am Rio de La Plata
als die „Seele des Tangos“ gilt. Hier in Buenos Aires schlägt
das Herz des Tangos - heute in den Tönen der Schicksalssymphonie…
Wie schon so oft in der Vergangenheit, sitze ich nun wieder in
der Lobby unseres Hotels im Herzen des Zentrums von
Buenos Aires. Durch die riesige Scheibe fällt mein Blick auf
den Obelisken (Bild oben) und auf das Leben, das draussen tosend vorbeiflutet.
Vor mir ein Cafecito, eines dieser winzigen
Tässchen köstlichen bitteren Kaffees…
Und unwillkürlich kommen mir, wie immer an dieser Stelle,
Homero Manzis Anfangsverse aus seinem Tango Mi Taza de
Café in den Sinn:
La tarde está muriendo detrás de la vidriera
y pienso mientras tomo mi taza de café...
„Der Nachmittag erstirbt hinter der grossen Scheibe,
und in Gedanken versunken trinke ich meine Tasse Kaffee..."
Weitere Berichte über Buenos Aires finden sich in den Göttinger Tango Infos
Nr. 34.2009 und
Nr. 35.2009
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